Google und Spirit Airlines: Kongress warnt vor KI-Datenkauf

Google und Spirit Airlines: Kongress warnt vor KI-Datenkauf

114 US-Bundesabgeordnete drängen Google und Spirit Airlines, ein Geschäft abzublasen, bei dem der Techkonzern ein umfangreiches Archiv interner Daten der insolventen Fluggesellschaft erhalten würde. Google will damit KI-Modelle trainieren und würde dafür 10 Millionen Dollar zahlen.

Der Brief ging am Donnerstag an die Vorstandschefs beider Unternehmen. Federführend waren der Abgeordnete Steven Horsford, ein Demokrat, der einen Wahlbezirk in Nevada vertritt, und Senatorin Elizabeth Warren, Demokratin aus Massachusetts. Die Parlamentarier argumentieren, dass die von Google zugesagten Schutzmaßnahmen möglicherweise nicht ausreichen, um die Privatsphäre ehemaliger Spirit-Beschäftigter zu schützen.

Was der Datensatz enthält

Laut einer Pressemitteilung von Horsford umfasst der geplante Verkauf eine sehr große Menge an interner Kommunikation und Personalunterlagen. Dazu gehören:

  • rund 100 Millionen E-Mails
  • etwa 500 Millionen Nachrichten, die über Microsoft Teams, die firmeninterne Chatplattform, verschickt wurden
  • Arbeitsverträge
  • Mitarbeiter- und Arbeitszeitdaten
  • Gehalts- und Steuerinformationen

Google hat erklärt, die Daten würden vor der Nutzung anonymisiert. Außerdem werde das Unternehmen keine personenbezogenen Daten erhalten, und ein externer Dienstleister werde das Material vor der Übergabe bereinigen.

Die Abgeordneten erkennen diese Zusagen in ihrem Brief an, sind aber nicht überzeugt. "Wir wissen zwar, dass Google erklärt hat, keine personenbezogenen Daten zu erhalten und dass die Daten vor ihrer Übergabe von Dritten bereinigt werden, wir befürchten jedoch, dass herkömmliche Anonymisierungsmaßnahmen im Zeitalter moderner künstlicher Intelligenz nicht ausreichen könnten, um die Privatsphäre der Beschäftigten zu schützen", schrieben sie.

Warum das Entfernen von Namen nicht reichen könnte

Im Kern geht es um ein technisches Problem. Wer offensichtliche Kennungen entfernt, macht einen Datensatz damit nicht automatisch anonym, heißt es in dem Brief.

"Das Entfernen von Namen, E-Mail-Adressen oder anderen direkten Kennungen macht einen Datensatz nicht zwangsläufig anonym", schrieben die Abgeordneten.

Interne E-Mails und Chatnachrichten enthalten viel Kontext. Funktionen, Schichtmuster, Standorte, Schreibstil und Verweise auf Kollegen können auf bestimmte Personen zurückführen, auch wenn die Namen entfernt wurden. Gehalts-, Steuer- und Arbeitszeitdaten kommen als weitere Ebene sensibler Details hinzu. Die Sorge in dem Brief: Moderne KI-Systeme, die mit solchem Material trainiert werden, könnten eine solche Re-Identifizierung erleichtern.

Die Menschen hinter den Daten

Der Brief hat auch einen lokalen Bezug. Spirit hatte im Mai angekündigt, den Betrieb einzustellen. In Las Vegas, das teilweise zu Horsfords Wahlbezirk gehört, verloren laut Pressemitteilung fast 1.000 Menschen ihren Job bei der Airline.

Genau diese ehemaligen Beschäftigten sind es, deren Nachrichten, Verträge und Gehaltsunterlagen in Googles Trainingsdaten landen würden. Die 10 Millionen Dollar würden an die gescheiterte Fluggesellschaft fließen, nicht an sie.

Was die Abgeordneten fordern

Die zentrale Forderung lautet, das Geschäft zu stoppen. Sollten Google und Spirit trotzdem daran festhalten, wollen die Abgeordneten mehrere Bedingungen durchsetzen. Laut Pressemitteilung sollen die Unternehmen:

  • ein Anonymisierungsverfahren entwickeln, das Rückmeldungen ehemaliger Beschäftigter berücksichtigt
  • so viele Mitarbeiterinformationen wie möglich von der Übergabe ausnehmen
  • die Nutzung der Daten begrenzen
  • eine "unabhängige Prüfung der Vertraulichkeit von Mitarbeiterdaten" durchführen

Google reagierte nicht sofort auf eine Bitte um Stellungnahme. Da Spirit nicht mehr existiert, war kein Pressekontakt der Airline zu finden.

Unsere Einschätzung

Der Fall zeigt, wie sich die Jagd nach KI-Trainingsdaten auf neues Terrain verlagert. Öffentliche Webinhalte wurden bereits in großem Stil abgegrast, also wirken interne Firmenarchive von Unternehmen, die es nicht mehr gibt, plötzlich wie eine wertvolle Ressource. Ein insolventes oder geschlossenes Unternehmen hat allen Grund zu verkaufen, und seine ehemaligen Beschäftigten haben dabei kaum etwas mitzureden.

Die Zweifel der Abgeordneten an der Anonymisierung sind nicht neu. Aufsichtsbehörden in Europa sind bereits gegen mangelhafte Anonymisierung vorgegangen, wie das Bußgeld gegen IQVIA wegen Gesundheitsdaten zeigt. Dienstliche E-Mails und Chats dürften sich sogar noch schwerer bereinigen lassen als strukturierte Datensätze, weil die identifizierenden Details im Fließtext versteckt sind.

Das Geschäft passt auch in ein größeres Muster, bei dem KI-Unternehmen nach neuen Datenquellen suchen, von Sprachaufnahmen von Claude-Nutzern bis hin zu Googles eigenem Vorstoß für tieferen Zugriff auf Nutzerdateien auf dem Desktop. Für Sicherheits- und Datenschutzteams lautet die Lehre: Interne Kommunikation kann das Unternehmen überdauern, das sie hervorgebracht hat. Es lohnt sich zu beobachten, ob Google öffentlich Stellung nimmt, ob die Übergabe mit den von den Abgeordneten vorgeschlagenen Bedingungen zustande kommt und ob der Fall breitere Regeln für den Verkauf von Mitarbeiterdaten aus aufgelösten Firmen anstößt.